Bild: Barbara Bechtloff

Modeatelier Szoltysik - Digitalisierung nach Maß

Das traditionsreiche Handwerk des Maßschneiderns befindet sich im Umbruch. In Zeiten von Billigmode aus Fernost und dem bequemen Shoppen übers Internet haben es kleine traditionelle Maßschneidereien schwer. Wie konkurrenzfähig sind sie in unserer globalisierten und digitalisierten Welt noch? Ein Blick nach Hagen in das Modeatelier von Inge Szoltysik zeigt, dass traditionelle Handwerkskunst und Digitalisierung zusammenpassen können wie Nadel und Faden.

„Man kann sich dem Thema Digitalisierung nicht entziehen“, so bringt die Schneider­meisterin und Vorsitzende des Bundesver­bandes des Maßschneiderhandwerks Inge Szoltysik, die Notwendigkeit für traditi­onelle Handwerksbetriebe, sich der The­matik zu öffnen auf den Punkt. Sie sieht in der Digitalisierung eine große Chance, denn: „Zum einen können wir mit der Verwendung hochmoderner Nähmaschinen und digitalisierter Arbeitsprozesse ein at­traktiver Arbeitgeber für Nachwuchskräfte sein – denn junge Leute wollen nicht in einem Betrieb mit angestaubtem Image ler­nen und arbeiten. Zum anderen können wir über digitale Medien auch jüngere Kunden gewinnen.“ Doch um neben dem Tagessgeschäft den Betrieb für die Zukunft auszurichten, braucht es Zeit und Know-how. Daher suchte die Schneidemeisterin Hilfe von außen und fand diese in Hans-Jürgen Dorr von der Unternehmensberatung d-ialogo. Im Rahmen des Förderprogramms unternehmensWert:Mensch plus begleitete Dorr das Modeatelier über einen Zeitraum von sechs Monaten.

Ziel der Beratung war es, den bestehenden Onlineshop zu optimieren, einen Onlinekalender zu erstellen und eigene Video-Tutorials zu produzieren. Der Onlineshop sollte vor allem so gestaltet werden, dass sich junge nähbegeisterte Kunden davon angesprochen fühlten. Schnell fanden sich in der Belegschaft interne „Experten“, die gemeinsam mit dem ganzen Arbeitsteam die Entwicklung des Onlineshops voran­trieben. Dazu führten sie eine übersichtlichere und optisch ansprechende Bedien­oberfläche ein und fügten eine Vielzahl neuer Produkte hinzu. Die entscheidende Veränderung für den Onlineshop stellt die Verknüpfung mit dem Einsatz sozialer Medien dar. Mit den Auftritten auf Insta­gram, Facebook und Co. richtet sich das Atelier neben dem bestehenden Stamm­klientel im Maßkundengeschäft heute ge­zielt an ein junges modeaffines Publikum, das außerhalb des Internets gar nicht zu erreichen wäre.

Best-Practice - Digitalisierung - Modeatelier Szoltysik, Bild 2

Handlungsbedarf bestand auch in der Arbeitsorganisation. Denn die Inha­berin ist viel und oft über den Feierabend hinaus unterwegs. Für die Koordinierung von Terminen musste sie häufig Rücksprache mit dem Atelier halten – wenn denn, je nach Uhrzeit, überhaupt jemand erreich­bar war. Die Lösung ihres Teams: ein Onlineka­lender. Auf diesen können nun alle jeder­zeit über eine App zugreifen. Und neben­bei schafft er flexiblere Arbeitszeiten: Mit einem Blick aufs Smartphone sieht man, ob das Atelier ausreichend besetzt ist. So kann man morgens auch mal später zur Arbeit, falls man spontan verhindert ist.

Auch für die Produktion der Video-Tutorials fand sich ein interner „Experte“. Ein junger medienaffiner Mitarbeiter stellte den Kontakt zu einem Kooperationspartner vor Ort her, der nun die Videoproduktion übernimmt. In den aufwendig produzierten Videos werden Basics zur klassischen Maßschneiderei ver­mittelt. Oft finden über die Tutorials auch ambitionierte Hobbyschneider den Weg in die eigens gegründete Nähakademie. Die­se entstand zwar nicht im Rahmen der Beratung, sie ist jedoch auch ein Produkt des Digitalisierungsprozesses. Szoltysik: „Wir haben die Nähakademie gegründet, um eine neue Zielgruppe zu erreichen. In den Workshops, die wir dort anbieten, können sich Interessierte unter unserer Anlei­tung an hochmodernen Nähmaschinen erproben.“ Und es verschafft ganz neben­ bei der Berufsgattung Maßschneiderei neuen Glanz. Das wiederum lockt potenzielle Fachkräfte.

Dass der Digitali­sierungsprozess in dem Modeatelier bisher so erfolgreich verlief und auch nach der Beratung nicht stillsteht, liegt wohl auch an der Unternehmensphilosophie. Szoltysik: „Ich lehne es ab, Druck auf mein Team auszuüben und Dinge von oben zu bestimmen. Jeder soll Teil des Prozesses sein und aktiv mitgestalten können. So entsteht ein posi­tiver Sog statt Druck.“ Dies bestätigt auch Dorr und weist in diesem Zusammenhang auf den Vorteil eines kleinen Betriebes hin: „Bei einer geringen Mitarbeiterzahl ist es leichter, den Einzelnen miteinzubeziehen, da er sich nicht verstecken kann. Wichtig ist dann, ihn so einzusetzen, dass er seine Kompetenzen effektiv einbringen kann. So zieht er die anderen mit, wie es sich auch im Atelier von Frau Szoltysik zeigte.“ Doch eines ändere sich nicht: „Wir werden auch in Zu­kunft den Saum von Hand nähen – trotz Digitalisierung. Doch sie vereinfacht Pro­zesse. Und dadurch gewinnen wir mehr Zeit für unsere Leidenschaft: Maßschnei­derei“, so Szoltysik.

Best-Practice - Digitalisierung - Modeatelier Szoltysik, Bild 4

Kontakte:

Modeatelier Inge Szoltysik
Inge Szoltysik
Tel.: 02334 53627
inge@modeatelier-inge.de

d-ialogo
Hans-Jürgen Dorr
Tel.: 0202 2427280
dorr@d-ialogo.de